Feste feiert man auf der ganzen Welt…

Nicht selten denke ich zurück, an Deutschland, an meine „Zuhause“, dieses Land, in dem ich geboren bin, aufgewachsen bin, diese einzige Heimat, die ich kannte, bis mich das Fernweh packte und ich mit ihm in die Welt zog. Ich denke nicht mehr mit schwerem Herzen und Wehmut zurück, ich zähle nicht die Tage oder bin bemüht, jede Minute jeden Kontakt mit denjenigen zu halten, die ich dort gelassen habe.
Vielmehr blicke ich zurück und frage mich, was in Deutschland anders ist. Woran ich mich erst wieder gewöhnen werden muss, wenn ich zurück kehre. Ich denke daran, was mir hier aus Deutschland fehlt, aber auch, was mir einmal zurückgekommen aus Marokko fehlen wird. Ich kann nicht sagen, ich mag eines der Länder lieber als das andere, ich kann nicht sagen, wo ich mich wirklich „zuhause“ fühle, irgendwie sind beide Plätze fest in meinem Herzen verschmolzen.

Manchmal bin ich überrascht, wenn ich irgendetwas vergleiche. Das bunte Treiben auf einem Souk hier, die Leute die man an den Ständen kennt oder in den kleinen Geschäfte, Hanouts, in denen man sich auch mal zehn Minuten länger aufhält, um etwas zu plappern und sei es über die leider verlorenen Fußballspiele von Deutschland und Marokko.
In Deutschland geht man in den Rewe oder Lidl oder anderen Supermarkt, grüßen tut man da niemanden, den man nicht so schon irgendwie privat kennt, alle Preise sind ausgeschildert, mit den Mitarbeitern redet man nur, wenn man schon wieder vergessen hat, wo denn die Asia-Abteilung mit der Kokosmilch ist oder ob die Kokosmilch doch bei den „Milch“-Produkten steht, man verrichtet seinen Einkauf gezielt und geplant, an der Kasse eine schöne, ordentliche Schlange – ha! Sowas wär im Hanout echt lustig zu beobachten.

Auch jetzt, zur Zeit des Ramadans und des Eid-al-Fitrs komme ich nicht umhin, unbewusst Vergleiche zu ziehen. Als ich neulich in Google „Zuckerfest und Weihnachten“ eingab, um zu wissen, in welchem Jahr der Ramadan und das Fastenbrechen mit der Weihnachtszeit zusammen fällt (Fun Fact: soweit ich weiß im Jahr 2035, wenn ich richtig gezählt hab), kamen ganz viele Einträge, die das Zuckerfest als „Weihnachten der Muslime“ beschrieben. ‚Pfff nee, was für ein schöner Vergleich, das kann man ja gar nicht vergleichen.‘ Dachte ich am Anfang. Aber dann kam auch mir die Frage: Wie erkläre ich das am besten all den Menschen zuhause, meinen Freunden, meiner Familie? Den Leuten, die mich kennen, aber Marokko nicht? Als wäre ich nicht so schon immer in Erklärungsnot, wenn ich sage, ich faste, ich esse Msemen, ich geh mal kurz in den Hanout –  allein diese Sachen werfen wieder mehrere Rückfragen auf für jemanden, der weder das muslimische Fasten, noch Msemen, noch Hanouts kennt. Und bloß vorsichtig sein, dass keine Verallgemeinerungen über Marokkaner*innen aus meinem Mund kommen. Ein Tag, an dem ich mega genervt von irgendetwas oder jemanden bin und mich bei einer Freundin auslassen will, Achtung, oftmals stelle ich für Leute die einzige Informationsquelle und auch Bezugsquelle zu Marokko dar (abgesehen von den Medien vllt), und das was ich erzähle, formt sich vielleicht zu einem schlechten Bild im Unterbewusstsein des ein oder anderens.

Also wie das erklären mit den Festen? Nun ja, das Eid al Fitr, was letzten Freitag angefangen hat (15. Juni) und etwa drei Tage geht, ist ein Familienfest, man trifft sich mit seiner Familie, den Eltern, Schwestern, Brüdern, Onkeln, Tanten, Großeltern, … so ähnlich wie bei uns auch Weihnachten, man trifft sich zusammen, man isst und kocht, man redet viel miteinander, die Kinder spielen, vielleicht macht man mal einen Spaziergang oder Ausflug zum Meer. Und so wie wir zu Weihnachten teilweise in die Kirche gehen, gehen zum Eid die Leute in die Moschee, vor allem die Männer, während die Frauen alle anderen, vor allem die Kinder, aus der Küche scheuchen und das Essen vorbereiten. Gibt es Geschenke? Jaein. Es ist nicht so (zumindest hier, in Marokko, bei der Familie, bei der ich eingeladen war – achtung, nichts verallgemeinern 😉 ), dass man sich gegenseitig Geschenke hinsetzt und die Kinder (und vielleicht auch Eltern) voller Vorfreude ihre Geschenke auspacken. Doch es gibt das Kinderfest von der 27. Fastennacht, die Nacht also, in der Prophet Mohammed den Koran empfangen hat. Zu diesem kauft man den Kindern neue Kleider, die sie dann den Tag und die darauffolgenden Tage tragen. Ich bin in der Nacht des 27. kurz vor der Tür gewesen zum Verdauungsspaziergang und sah viele Mädchen und Jungen in farbenfrohen, glitzernden Djellabas oder Kleidern bzw. Hemden. Selbst im BIM, einer kleinen Supermarkt-Kette, gab es schöne Kleider für die Kleinen, die dann getragen natürlich von der ganzen Familie bewundert werden.
Ein Unterschied ist, dass das Fest schon früh beginnt. Bei uns in der Familie zu Weihnachten hat sich das meiste abends abgespielt, bzw. am späten Nachmittag, wenn man aus der Kirche zurück war, das traditionelle Essen auf dem Tisch stand, die Geschenke unter dem Baum glänzten und es draußen dunkel war. Dieses weihnachtliche und gemeinschaftliche Gefül habe ich teilweise den ganzen Ramadan gefühlt, wenn man abends zum Ftour mit Freunden oder Familie sitzt und zusammen isst, draußen ist es dunkel und man redet und lacht.
Etwas, das ganz neu für mich ist, dass man den Termin der eigentlichen Feier bis zum Abend vorher nicht genau weiß, weil alles vom Mond abhängig ist. Ramadan beginnt mit dem Neumond und endet mit dem Neumond und dann schaut man den Abend vorher, ob es denn schon soweit ist.
Anstatt also von Anfang an zu wissen, morgen ist es so weit, sitzt man gespannt beim Ftour, macht vorsichtig Scherze darüber, was wäre wenn die Feier doch nicht morgen wäre, wir müssten doch alle arbeiten gehen und noch einen Tag mehr fasten und man war doch schon am Vorbereiten einiger Dinge – bis dann übers Fernsehen, über den Muezzinruf und in Casablanca sogar mithilfe von drei Sirenen und fünf oder sechs Kanonenschüssen (oder irgendetwas ähnlichem, was so klingt) endlich klar ist, dass das Fest am darauffolgendem Tag stattfindet.

Kann man das Eid-al-Fitr also mit Weihnachten vergleichen? Ja. Und nein. Auf beide Feste blicken die Menschen mit Vorfreude, vor allem Kinder profitieren von vielen Geschenken und Leckereien, es wird gekocht, man besucht die Familie oder wird besucht und man redet und lacht zusammen.
Doch für mich, die ich beide Feste kenne und erlebt habe, möchte ich ungern Vergleiche ziehen. Ich will nicht sagen „letztes Jahr hab ich nicht richtig Weihnachten gefeiert, aber dafür das Fest des Fastenbrechen, das war mein Ersatz.“, ich denke, keine Feier wird je die andere ersetzen, in meinem Herzen haben beide dieser religiösen Feste einen festen (haha, Fest und fest 😉 ) Platz und sind nicht beliebig austauschbar. Ob ich in Deutschland einmal zurückgekommen auch wieder so viel vom Eid-al-Fitr mitbekommen und miterleben werde, ist fraglich.

Aber ist es im Endeffekt nicht eigentlich egal, wie das Fest heißt oder wann und wie es gefeiert wird? Das eigentlich wichtige ist doch, dass man an diesem Tag mit Menschen ist, die man liebt, mit denen eine wunderschöne Zeit verbringt und jede Minute genießt. Denn das ist doch der eigentliche Grund, warum es überall auf der Welt Feste gibt, nicht wahr? Um Anlässe zu schaffen, um mehr Zeit mit der Familie und den Freunden zu verbringen, denn sonst laufen wir Gefahr, im Alltag die wertvollen Momente zusammen nicht zu schätzen oder vielleicht sogar den Blick füreinander zu verlieren. Von daher, genießt jedes Fest, egal von woher, mit welchem Namen oder Tradition, genießt es mit den Menschen, die euch lieb sind.

Ein Kommentar zu „Feste feiert man auf der ganzen Welt…

  1. Liebe Emmi… du hast irgendwie recht…ich persönlich finde, dass man sich – gerade bei uns – zu Weihnachten wieder mehr darauf besinnen sollte, dieses Fest als Zusammenkunft mit den Liebsten und der Familie zu sehen und die Zeit zusammen genießen sollte … Zeit- vor allem mit der Familie- ein inzwischen wertvolles Gut… und ein Geschenk, was sich nicht kaufen lässt …
    Deine Mama

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