Straßenverkehr: High Five und fahrende Hunde

Ich weiß nicht, ob ich mich hier öffentlich schonmal über den Straßenverkehr beschwert habe, aber jeder und jede, mit dem/der ich öfter mal Kontakt habe, bekommt von mir zu hören, wie oft ich fast sterbe, wenn ich zwanzig Centimeter weiter links gefahren wäre oder wie der eine Typ mich mega aufgeregt haben oder einfach alle Leute, die mir auf meinen 9 km zur Arbeit hin begegnen…

Meiner Mutter musste ich hoch und heiligst versprechen, mich jeden früh zu melden, wenn ich sicher auf Arbeit angekommen bin und tatsächlich hatte ich ja auch schon einen kleinen „Unfall“, wenn man das Anfahren eines haltenden Autos denn wirklich als Unfall bezeichnen kann.

Es gibt seltene Tage, an denen komme ich an der Fondation, meiner Arbeiststelle, an und bin genervt, weil jemand mich auf meinem Weg überholt hat, nur um dann vor mir stehen zu bleiben, weil drei Leute mich angehupt haben, obwohl ich zehn Meter von ihren Autos entfernt bin oder einfach, weil jemand mitten auf der Straße steht, mit Warnblinkern, nur um kurz einem Typen Hallo zu sagen oder nach dem Weg zu fragen – was hier nicht unüblich ist.

Warum ich trotzdem Rad fahre? So gefährlich, wie ich es immer schilde, ist es eigentlich nicht. Es gibt immer diese „In Deutschland hätte man das nicht gemacht!“-Momente, in denen der deutsch gebliebene Teil meines Unterbewusstseins meinen Puls erhöhen will und Adrenalin ausschütten will, während der marokkanisch gewordene Teil einfach seinen Weg weiterfährt und sich denkt „3adi…“ (= „Normal“)

Man muss seine Fahrtweise eventuell etwas anpassen und manches erscheint einem am Anfang unglaublich gefährlich und bringt einen leicht in Panik, aber immerhin fahre ich jetzt schon seit neun Monaten hier fast jeden Wochentag die 18 km von Arbeit und zurück und mir ist noch nie was ernstes passiert. Hamdoulilah! (Gott sei Dank)
Das gute an all dem chaotisch erscheinenden Verkehr: die Menschen sind verständlicher. Sie sehen dich, sie könnten aus der Seitenstraße rausfahren, du bist eh noch ein paar Meter entfernt dann müsstest du nur ein klein bisschen abbremsen, kein Problem. Aber oft warten sie auch, bis du vorbei bist, winken dich noch freundlich vorbei, von wegen: „Fahr ruhig, ich warte noch die paar Sekunden mehr“ und manchmal machen die Autos, die vor einer Ampel warten sogar noch ein bisschen mehr Platz, so dass du rechts an ihnen vorbei kannst und dann vorne sicher an der Ampel stehst und bei Grün sofort losfahren kannst.

Und jetzt noch ein weiterer Vorteil des Radfahrens; es ist kein Geheimnis, dass einem als Mädchen (besonders europäisches) hier öfter mal etwas hinterhergerufen wird oder man angesprochen wird (wenn es auch nicht unbedingt irgendwelche anzüglichen oder gemeinen Sachen sind, häufig ist es „Bonjour Mademoiselle, ça va?“), das bringt mich nicht um, aber es ist nervig. Auf dem Rad ist man viel schneller an solchen Sachen vorbei und zu oft hätte ich den Leuten gerne ein „Zu spät, ätschibätsch!“, hinterhergerufen. 😆

Aber man muss es auch mit Humor nehmen. Ich fahre normalerweise eine Art „Waschstraße“ entlang, an der etwa zehn Leute aller paar Meter mit Eimern stehen und Autos waschen. Gerade auf meinem Rückweg, nachmittags, wenn die überwiegend jungen Männer mit ihren Eimern schon den ganzen Tag warten und nichts zu tun haben, versuchen sie, mir irgendwas hinterherzurufen oder meine Aufmerksamkeit zu bekommen. Diesmal waren es drei Jungs hintereinander, die ersten beiden sagten irgendwas wie immer, zum Beispiel ein „Hallo“ auf Französisch oder Spanisch. Der dritte war still, hielt nur seine Hand heraus, wie zum High Five. Ich musste grinsen. „Okay, der kriegt sein High-Five, wenigstens ruft er mir nix hinterher.“, dachte ich und – zack – gab ich ihm im Vorbeifahren die Hand. Ich erzählte dies später einem Freund und der meinte „Hahaha, ich glaub, du hast denen den Tag gerettet, so einsam und gelangweilt die da immer warten müssen.“

Die zweite Begebenheit, die die Überschrift inspiriert hat, ist garantiert mein Nummer Eins Highlights auf meinem Arbeitsweg. Eines Tages fährt also ein Moped langsam an mich heran. Ich denke „Och nö, schon wieder so nen blöder Typ, der die Ausländerin mit Fahrrad ansprechen will oder ein alter Opa, der mich überholen will und mir dann nur ein Hindernis auf meinem Weg ist.“ (sehr negativ, ich weiß, bin wohl falsch aufgestanden) — doch das, was ich sah, hat mir ernsthaft meinen Tag versüßt.
Das Moped fährt an mir vorbei, das erste, was ich sehe, ist ein Hund, ein blonder Labradormix vielleicht, beide Pfoten am Lenker, die Füße unten auf dem Trittbett, mich angrinsend. Dahinter ein Marokkaner, sehr vorsichtig fahrend, die Arme um seinen Hund herum auch am Lenker und den Kopf immer von links nach rechts bewegend, um trotz Hund die Straße noch zu erkennen.
Kennt ihr diese Momente, an denen ihr euch wünscht, mit eurem reinen Wimpernschlag Fotos machen zu können oder eine Kamera im Kopf zu haben? Genau das war einer davon. Ich verfolge die beiden mit meinen aufgerissenen Augen, ein riesiges Lächeln bildet sich auf meinen Lippen. Die nächsten fünfzig Meter fahre ich laut lachend durch den nächsten Kreisverkehr. Die Leute, die immer da sitzen und mich jeden Tag sehen denken garantiert: „Jetzt ist sie endgültig verrückt geworden…“
Auf Arbeit angekommen stürme ich zum Security-Menschen, der immer am Tor sitzt und erzähle ihm, was ich sah, muss schon wieder lachen, das war so knuffig und lustig, sowas sieht man nicht alle Tage… sein Kommentar: „Ja und? Ist doch normal“
Dieses Land und diese Leute (und die Hunde) überraschen mich immer wieder. 😉

Hisilicon Balong
Am Mausoleum entspannen mit Rad 😉
Hisilicon Balong
Einmal am Rande Rabats, der wunderschöne Blick von einer leider sehr lauten und befahrenen Straße
Hisilicon Balong
Meine Begrüßung auf Arbeit…
Hisilicon Balong
…jeden Tag aufs Neue 😉

 

 

Ein Kommentar zu „Straßenverkehr: High Five und fahrende Hunde

  1. …. und ich bestätige, jeden Tag wird sich nach Ankunft gemeldet…. Danke, liebe Emmi … da ich bereits persönlich marokkanische Verkehrsverhältnisse kennengelernt hab 🙈🙈, bin ich dafür sehr dankbar…. im September will ich die Strecke aber auch mal mit dir radeln 😉😘

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